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Rolf Morrien

Dreieck der Nachhaltigkeit

Eines der meist beachteten Nachhaltigkeitskonzepte in Deutschland und auch weltweit ist das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung. Das Drei-Säulen-Modell – oder auch magisches Dreieck der nachhaltigen Entwicklung – beruht auf der Annahme, dass nachhaltige Entwicklung nur durch das Umsetzen von wirtschaftlichen, umweltbezogenen und sozialen Zielen erreicht werden kann.

Gleichzeitig hat das Modell aber als mögliche Handlungsanweisung auch zum Ziel sowohl die ökologische als auch ökonomische und soziale Leistungsfähigkeit einer Gesellschaft sicherzustellen. Eines der wesentlichen Merkmale des Drei-Säulen-Modells ist, dass alle drei Aspekte gleichrangig betrachtet werden. Das heißt, alle drei Dimensionen sind gleichermaßen zu berücksichtigen.

Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit sind:

-    Ökonomische Nachhaltigkeit: Eine Wirtschaft gilt allgemein als nachhaltig, wenn sie dauerhaft betrieben werden kann und wenn eine Gesellschaft wirtschaftlich nicht über ihre Verhältnisse lebt.

-    Soziale Nachhaltigkeit: Eine Gesellschaft gilt allgemein als nachhaltig, wenn Spannungen in Grenzen gehalten werden und Konflikte nicht eskalieren.

-    Ökologische Nachhaltigkeit: Eine Gesellschaft gilt allgemein als nachhaltig, wenn natürliche Lebensgrundlagen nur in dem Maße beansprucht werden, wie diese sich regenerieren.

Das Drei-Säulen-Modell existiert seit knapp 15 Jahren und hat sich in dieser Zeit ständig weiterentwickelt. Der Oldenburger Professor Bernd Heins, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome, verwendete das Modell 1994 zum ersten Mal. Der Verband der Chemischen Industrie VCI brachte das Modell dann in die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Schutz des Menschen und der Umwelt“ ein.

Enquête-Kommissionen sind vom Deutschen Bundestag oder von einem Landesparlament eingesetzte interfraktionelle Arbeitsgruppen, die langfristige Fragestellungen lösen sollen, in denen unterschiedliche juristische, ökonomische, soziale und ethische Aspekte abgewogen werden. Die Enquete-Kommission „Schutz des Menschen und der Umwelt“ forderte 1996 „wirtschaftliche, ökologische und soziale Aspekte gleichrangig zu berücksichtigten“. Sustainable Development bzw. nachhaltige Entwicklung wird von der Enquete-Kommission nicht als einseitiges ökologisches, sondern als ganzheitliches Zukunftskonzept gesehen. Alle drei Dimensionen der Nachhaltigkeit sollen eine langfristige und tragfähige Entwicklung der Gesellschaft möglich machen.

In der Studie „Bausteine für ein zukunftsfähiges Deutschland“ präzisierten der VCI und die IG Chemie-Papier-Keramik das Drei-Säulen-Modell. Neben dem Grundkonzept des Prinzips der Nachhaltigkeit, d. h. Versuch eines Ausgleichs zwischen Wirtschaft, Sozialem und Umwelt, wurde ein zeitlicher Aspekt eingebracht: Nachhaltigkeit soll lediglich zu einem einzigen Zeitpunkt wirken, sondern über Generationen hinweg. 1998 legte die Enquete-Kommission den Abschlussbericht der Untersuchung vor. Mit der Veröffentlichung des Berichtes fand das Drei-Säulen-Modell Zugang in die breite Öffentlichkeit und wurde auch in den Medien diskutiert.

International wird das Drei-Säulen-Modell häufig im Zusammenhang der Entwicklungspolitik genannt. Auf dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung 2002 in Johannesburg trafen 20.000 Delegierte von Regierungen, aus der Wirtschaft, von Nichtregierungsorganisationen (NGO´s) und aus Kommunen unter dem Thema „Eine nachhaltige Welt ist möglich“ zusammen. In der Abschlusserklärung des Kongresses heißt es: “Vor dreißig Jahren in Stockholm einigten wir uns darauf, auf das Problem der andauernden Umweltzerstörung zu antworten. Vor zehn Jahren auf der Konferenz der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro legten wir fest, dass der Schutz der Umwelt und die soziale und wirtschaftliche Entwicklung für die nachhaltige Entwicklung grundsätzlich sind. Der Gipfel von Rio war ein bedeutender Meilenstein, der eine neue Tagesordnung für die nachhaltige Entwicklung gesetzt hat“. Seitdem sind die drei Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales auch als Magisches Dreieck der Nachhaltigkeit bekannt. 1992 wurde in Rio de Janeiro die Agenda 21 beschlossen, die 21 Zielpunkte aus allen Drei Dimensionen enthält.
Im Rahmen der Studie „Ein integratives Konzept nachhaltiger Entwicklung“ des Forschungszentrum Karlsruhe aus dem Jahr 1999 wurde das Modell der Enquête-Kommissionen um eine globale Dimension ergänzt mit dem Ziel, Mindestvoraussetzungen für eine nachhaltige Entwicklung zu formulieren, unabhängig vom nationalen Kontext.
Des Weiteren soll das Modell übergreifende Nachhaltigkeitsziele wie „Sicherung der menschlichen Existenz“, „Erhaltung des gesellschaftlichen Produktivpotentials“ und „Bewahrung der Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten“, sowie die „Integration von Gerechtigkeits-Aspekten“ garantieren.
In den letzten Jahren findet sich häufig der Begriff des Vier-Säulen-Modell. Neu ist die politische Umsetzungsebene, die zeigen soll, dass Nachhaltigkeit in direkter Abhängigkeit zur Politik einer Gesellschaft oder eines Staates steht.

Von einigen wird das Drei-Säulen-Modell der nachhaltigen Entwicklung kritisiert, da in ihm ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit gleichrangig betrachtet werden. Viele Experten würden aber gerne der ökologischen Nachhaltigkeit Vorrang geben, da in ihren Augen der Schutz der natürlichen Lebenswelt und Lebensbedingungen die Grundvoraussetzung für ökonomische und soziale Stabilität ist. In diesem Zusammenhang wird im Zusammenhang des Drei-Säulen-Modells von „schwacher Nachhaltigkeit“ gesprochen.
„Schwache Nachhaltigkeit“ bezeichnet die Vorstellung, dass sich ökologische, ökonomische und soziale Ressourcen gegeneinander aufwiegen lassen und z. B. Ökonomie und Ökologie gleich gewichtet werden. Demgegenüber spricht man von „starker Nachhaltigkeit“, wenn ökologische Parameter einen Korridor bilden, der unbedingt zu einzuhalten ist. Nur innerhalb dieses Korridors besteht ein Spielraum zur Umsetzung wirtschaftlicher und sozialer Ziele. Trotz der Kritik am Drei-Säulen-Modell ist es aber immer noch das geläufigste Modell der Nachhaltigkeit. Der deutsche Politikwissenschaftler und Vorsitzende der „Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen“ Jörg Tremmel konnte in seinem Buch „Nachhaltigkeit als politische und analytische Kategorie” sogar nachweisen, dass sich das allgemeine Verständnis von Nachhaltigkeit maßgeblich am Drei-Säulen-Modell orientiert.

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